Buchempfehlungen-Archiv-->
veranstaltungen

Nastassja Martin: An das Wilde glauben

Matthes & Seitz Berlin 2021

18,00€

Die Anthropologin Nastassja Martin wird während einer Expedition auf der Insel Kamtschatka von einem Bären in den Kopf gebissen und überlebt schwer verletzt. In „An das Wilde glauben”, nimmt sie uns mit auf die Reise ihrer Genesung und lässt uns Teilhaben an Kultur und Weltanschauung der Ewenen, dem indigenen Volk, mit dem sie über lange Perioden zusammenlebt und in deren Leben sie tief eintaucht.

 

Ich habe dieses grandiose wunderbare Buch an einem Sonntagmorgen gelesen,es hat mich gefangen und mir keine Ruhe gelassen. Für mich so ein Buch, das ich immer an meiner Seite brauche, um wieder nachzulesen, philosophische Gedanken über Grenzgänge nochmal neu mitdenken zu können. Die Frage wer sind wir als Mensch im großen Zusammenhang der Erde und des Kosmos. Wie verbunden sind wir mit der Natur und warum machen wir uns zu IHREM Feind?

 

Die reine Handlung dieser schlanken 139 Seiten ist recht schnell zusammengefasst: Wir begleiten die Autorin auf ihrem Weg der Genesung nach ihrem Kampf mit dem Bären, der über ein russisches Klinikum über Frankreich zurück in die Wildnis führt. Abgesehen von der absoluten Unglaublichkeit der Kerngeschichte – wie muss ich mir einen Kampf zwischen Mensch und Bär vorstellen – gibt die Erzählung spannende Einblicke in Kultur und Leben der Ewenen. Nastassja Martin hat über lange Phasen im Rahmen ihrer anthropologischen Studien mit diesem indigenen Volk zusammengelebt und wurde von ihnen teilweise aufgenommen wie ein Familienmitglied. Sie beginnt intensiv zu träumen, sich mit dem Verhältnis des unterschiedlichen Lebens der Erde zueinander auseinanderzusetzen und taucht ein in eine spirituelle und so ganz und gar nicht-westliche Sicht auf die Dinge. So begreift sie die Begegnung mit dem Bären keineswegs als einseitigen Angriff eines Raubtieres:

 

“Ich habe mich im Gegenteil in den Kampf gestürzt wie eine Furie und wir haben unsere Körper jeweils mit dem Mal des anderen gezeichnet. Ich kann es mir schwer erklären, aber ich weiß,

dass dieses Begegnung vorbereitet war. Ich habe seit langem alle nötigen Weichen gestellt, um mich ins Maul des Bären zu führen, seinem Kuss entgegen. Und ich sage mir: Wer weiß, er vielleicht auch.”

Nastassja Martin in “An das Wilde glauben”, S. 77

 

Zwischen Wissenschaftlichkeit und Selbstbefragung

 

Was “An das Wilde glauben” aus meiner Sicht einzigartig und brillant macht, ist die Zwiegespaltenheit der Autorin. Sie vermag beide Rollen, nämlich die der Wissenschaftlerin und die der verwundeten Frau auf einer Reise der Reflexion sprachlich perfekt abzubilden.

 

Mit wissenschaftlicher Distanz geht sie auf die Bräuche der Ewenen an, erklärt deren Leben und Handeln und bewertet ihre eigene Expedition, während sie gleichzeitig alles um sich herum so klug und aufmerksam beobachtet und uns mit ihrer so wahnsinnig poetischen und atmosphärischen Erzählart daran teilhaben lässt.

 

Diese Momente, in denen sie sinniert über die Weltanschauung der Ewenen, sie sind so voller Poesie und Schönheit, man möchte als Leser:in schlicht den gesamten Text von Anfang bis Ende unterstreichen.


Jörg-Uwe Albig: Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus.

Klett-Cotta 2021

20,00€

Eine groteske Geschichte über die Auswüchse des Kapitalismus.
Katrin Perger, eine Psychologiestudentin ohne Abschluss, verdient ihr Geld als Business-Coach.
Als sie zur Beratung in das schwäbische Familienunternehmen "Human Solutions" kommt, ahnt sie noch nicht, welches Geschäftsziel von dieser verfolgt wird. Das ihre Diplomarbeit (die sie nie abgegeben hat und nur online "auf einem Blog veröffentlich hat) "Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus" zum Titel hat scheint jedoch für ihre Expertise bei diesem Unternehmen perfekt zu passen.


Maria Popova: Findungen

Diogenes 2021

28,00€

Die Bulgarische Schriftstellerin fordert uns heraus die großen Zusammenhänge zwischen allem zu erkennen. Begeistert habe ich mich schnell an den philosophischen Gedanken festgelesen und beschlossen, dies ist eines der Lebensbücher. Das sind Bücher, die nicht in einem Zug gelesen werden können (von mir!) sondern die Zeit brauchen, deren kluge geschliffene Gedanken ich mir gerne einteile. Sie aufnehme und damit ein paar Tage gehe, um dann weiterzulesen.

Popova spannt den Bogen vom Astronomen Johannes Kepler, dem eigentlichen Erfinder der Science-Ficton bis hin zur Meeresbiologin Rachel Carson, deren Werk als Katalysator für die heutige Umweltpolitik gilt. Sie macht das spielerisch, inspirierend und feinsinnig. Sie zu lesen fühlt sich an, als ob mir jemand die Schneekristalle gleichzeitig erklärt, ihre Schönheit lobt und mir den Zugang zu deren chemischer Formel eröffnet.

Das ALLES in einer feinsinnigene Sprache, der Schönheit der Welt demütig und bezaubert gegenüberstehend.


Raphaela Edelbauer: DAVE

Klett-Cotta 2021

25,00 €

Ein Roman über das Bewusstsein. Was macht das menschlichte Bewusstsein aus und kann man es codieren? In einer dystopischen Welt ist das Ziel aller Bewohner eines Würfels, dieses Künstliche Bewusstsein "DAVE" zum Leben zu erwecken.
Raphaela Edelbauer hat nicht nur angewandte Kunst sondern auch Philosophie studiert und kann sich leider nicht mehr an den Ursprung des Akronyms "DAVE" erinnern.


Felicitas Korn: Drei Leben lang

Kampa Verlag 2020

22,00€

 

Ein Spanien Urlaub, der mit einem Unfall vorzeitig endet und die Kinder Micha und Xandra aus ihrem bisherigen Leben herauskatapultiert. Der vierzehnjährige Michi will sich um seine jüngere Schwester kümmern, doch auf Grund seines Alters und weil es keine Verwandten gibt, droht beiden die Unterbringung in Waisenhäusern. Michi sucht Aziz auf, einen langjährigen Freund seines Vaters.
Auch Loosi und der King bitten Aziz um Hilfe, der eine alkoholkrank, aber wegen seiner neuen Liebe voller Zuversicht, der andere in illegale Geschäfte verwickelt.

Felicitas Korn gelingt es in einer temporeichen, authentischen Sprache, uns Leser unmittelbar an die Personen heranzuführen und uns mit ihnen hoffen und bangen zu lassen. Ihre Erwartungen an ein kleines bisschen Glück sind so nachvollziehbar, ob es um die Kinder, Loosi oder den dealenden King geht. Der Twist am Ende lässt uns nachdenklich zurück.

Ein tolles Buch, das mich mit seiner Konstruktion, seinen Charakteren und ihren Schicksalen stark beeindruckt hat!


Laetitia Colombani: Das Haus der Frauen

S. Fischer Verlag, 2020

20,00€

Laetitia Colombani erzählt auf zwei Zeitebenen die Geschichte von Blanche Peyron, die das erste Frauenhaus in Paris 1926 gegründet hat und von Solène, einer Anwältin, in unserer Zeit.

Nach dem Selbstmord eines Mandanten gerät Solène in eine psychische Notsituation und verliert völlig den Boden unter den Füßen. Sie kann sich nicht vorstellen, wieder als Anwältin zu arbeiten. Ihr Therapeut rät ihr, um überhaupt wieder Zugang zu Menschen zu bekommen, sich ehrenamtlich zu engagieren. So beginnt sie im „Haus der Frauen“ Briefe zu schreiben, zu übersetzen, bei Formularen behilflich zu sein. Sie lernt die Frauen nach und nach kennen, erfährt ihre tragischen Geschichten, findet Zugang zu ihnen und fasst wieder Selbstvertrauen.
Blanche Peyrons Lebensweg wird in einzelnen Kapiteln eingeblendet und beschreibt ihre Karriere in der Heilsarmee, wie sie von ihrem späteren Ehemann darin unterstützt wird und beide eine enorme Energie aufbringen, um das „Palais des Femmes“ in Paris zu gründen.

Ein in einer leicht verständlichen Sprache geschriebener Roman, der uns einen wichtigen Ausschnitt der Frauenbewegung schildert.


Emanuel Grand: Späte Vergeltung

Rütten und Löning 2020

16,99€

 

Mit einem starken Einstieg beginnt dieser Krimi von Emmanuel Grand. Drei Freunde werden in grausamen Szenen im Krieg in Indochina und in Algerien gezeigt. Zusätzlich eingeblendet die Durchhalteparolen der Politiker!
Und dann 30 Jahre später in Frankreich: In einem kleinen Ort im Norden Frankreichs wird eine junge, drogenabhängige Frau ermordet aufgefunden.
Für den ermittelnden Kommissar Erik Buchmeyer und seine Kollegin Saliha Bouazem bleibt es allerdings nicht bei dieser einen Leiche, es kommen sehr schnell weitere dazu. Während das ungleiche Gespann aus intuitiv arbeitenden Buchmeyer und der Pragmatikerin Bouazem versucht, diese Morde aufzuklären, erfahren wir Leser viel aus dem Land der Sch`tis und das unterscheidet sich in seiner sozialen Brisanz nach dem Untergang der Industrie dort sehr von dem Wohlfühlkinofilm, der vor einigen Jahren für Belustigung sorgte.

Ein Krimi, der den Leser nicht fortlaufend vor Spannung beben lässt und der auch dem Vergleich von der Buchrückseite mit Fred Vargas nicht gewachsen ist. Aber er fesselt, zeigt sehr gut die politischen und sozialen Zusammenhänge, die von der Kriegszeit bis über die 80er Jahre in die Gegenwart reichen und überrascht mit seinem Ende.

 

EmanuelEine 60jährige Bäuerin in Oberösterreich, die von einem Tag auf den anderen schweigt. Ihr Ehemann Erwin wie auch die erwachsenen Kinder, die anreisen, sind überfordert. Der Arzt kann keine Krankheit feststellen. Theresa liegt nur auf dem Sofa und funktioniert nicht mehr. Wie wirkt sich Sprachlosigkeit in einer Familie aus, wie reagieren die einzelnen? Und welche Arten der Sprachlosigkeit gab es bereits vorher?

Dominik Barta schaut in seinem Debütroman hinter die Kulissen des zeitgenössischen Landlebens und entdeckt dort unter anderem Homophobie, Chauvinismus, Hass aber auch Hoffnung. Und diese Schilderung der aktuellen Situation unterscheidet den Roman von anderen Büchern, die das Landleben beschreiben, wie zum Beispiel das Buch „Die Bagage“ von Monika Helfer. Diese zeichnet sicher in einer schöneren Sprache und auch nicht so holzschnittartig das Bild der Familie um Maria Moosbrugger wie Barta in seinem Roman. Doch die Schilderung der mehr denn je trügerischen Idylle des heutigen Landlebens gelingt dem österreichischen Autor sehr gut.


Dominik Barta: Vom Land

Zsolnay Verlag, 2020

18,00€

 

Eine 60jährige Bäuerin in Oberösterreich, die von einem Tag auf den anderen schweigt. Ihr Ehemann Erwin wie auch die erwachsenen Kinder, die anreisen, sind überfordert. Der Arzt kann keine Krankheit feststellen. Theresa liegt nur auf dem Sofa und funktioniert nicht mehr. Wie wirkt sich Sprachlosigkeit in einer Familie aus, wie reagieren die einzelnen? Und welche Arten der Sprachlosigkeit gab es bereits vorher?

Dominik Barta schaut in seinem Debütroman hinter die Kulissen des zeitgenössischen Landlebens und entdeckt dort unter anderem Homophobie, Chauvinismus, Hass aber auch Hoffnung. Und diese Schilderung der aktuellen Situation unterscheidet den Roman von anderen Büchern, die das Landleben beschreiben, wie zum Beispiel das Buch „Die Bagage“ von Monika Helfer. Diese zeichnet sicher in einer schöneren Sprache und auch nicht so holzschnittartig das Bild der Familie um Maria Moosbrugger wie Barta in seinem Roman. Doch die Schilderung der mehr denn je trügerischen Idylle des heutigen Landlebens gelingt dem österreichischen Autor sehr gut.


Caroline Criado- Perez : Unsichtbare Frauen

Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert btb - Verlag 15,00

Unsere Welt ist von Männern, für Männer gemacht und tendiert dazu, die Hälfte der Bevölkerung zu ignorieren. Zum Beispiel wird die meiste Care Arbeit von Frauen geleistet, in Erhebungen über die Arbeitswelt aber nicht berücksichtigt. So werden 50% der Menschheit ignoriert: FRAUEN. Caroline Criado-Perez erklärt, wie dieses system funktioniert. Sie legt die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher DAten offen. Die so entstandene Wissenslücke liegt der kontinuierlichen und systematischen Diskiminierung von Frauen zugrunde und erzeugt eine unsichtbare Verzerrung, die sich stark auf das Leben von Frauen auswirkt. Kraftvoll und provokant plädiert Criado - Perez für einen Wandel dieses Systems und lässt uns die Welt mit neuen Augen sehen.

 Buchtipp von Anna Rahm






Impressum.Datenschutz -->