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Matias Faldbakken - The Hills

Kategorie: Buch des Jahres
Von: Nicolas-Raphael Groschke




Wir befinden uns im „The Hills“, einem Ort mit Geschichte im Herzen Norwegens. Das schmiedeeiserne Schild am Eingang hat Jahrhunderte überlebt, der Boden hat über die Zeit mehrfach die Farbe gewechselt. Hier ist es schmutzig, ohne dreckig zu sein. Die Decke in der Küche ist schwarz geworden von den unzähligen Malen,während derer der Chefkoch mit geschickten Bewegungen den Armagnac in der Pfanne entzündete.
Auf der Empore schweben die Finger des Pianisten über die Klaviatur, Bach -Partituren plätschern durch die Luft.Der Maitre begrüßt die Stammgäste mit leichter Arroganz aber Zuvorkommenheit.

Im „The Hills“ ist die Zeit stehen geblieben und das ist auch gut so – das findet der Kellner, aus dessen Perspektive Faldbakken uns in das Innenleben eines Anachronismus der schnelllebigen Zeit dort draußen entführt. Nach wenigen Zeilen sitzen wir bereits in einer Nische des Restaurants, trinken einen Sauvignon Blanc unter einem zu tief hängenden Kronleuchter und beobachten, wie eine junge Frau den Raum betritt. Keiner kennt sie, nicht einmal die Bardame, die sonst zu jeder Nase eine Geschichte weiß. Und plötzlich beginnt alles sich zu verändern.

Matias Faldbakken hat eine fein skizzierte Parabel geschrieben. Über das Aufeinanderstoßen von Tradition und neuer Welt. Bekanntem und Neuem. Über Struktur und Zerfall. Über das Leben.

Heyne Encore , 22 €

 


Eric Vuillard: Die Tagesordnung

Kategorie: Wir empfehlen
Von: Nicolas-Raphael Groschke



„Was an diesem Krieg verblüfft, ist der ungeheure Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.“

Mit Büchern wie zum Beispiel „Traurigkeit der Erde“ , das sich den Buffalo-Bill-Shows Ende des 19. Jahrhunderts widmete, erschuf der französische Autor ein neues Genre der Geschichtsschreibung.
„Literarischer Brühwürfel“ nennt Alex Rühle dies in der Süddeutschen Zeitung – und liegt damit nicht ganz falsch.
Anhand einzelner Momente konzentriert Éric Vuillard historische Dimensionen auf 120 Seiten, lenkt den Blick auf das Unscheinbare, spannt Fäden von der Vergangenheit in die Gegenwart und löst all das auf in einer Sprache, die zeitweise reine Poesie ist.
So auch in seinem neusten, mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis – dem Prix Goncourt“ , geehrten Werk, „Die Tagesordnung“.
Ausgehend von einer Art Fundraising, durch das Hitler sich mit Hilfe der mächtigsten Wirtschaftsmogule Deutschlands die Finanzierung seines Wahlkampfes sichert, schildert Vuillard die Anfänge der Nazi-Diktatur und zeigt mit seiner unverwechselbaren Art des Schreibens und Denkens, dass die Geschichte nie beendet ist.

Matthes & Seitz Berlin Verlag , 18 €


Sayaka Murata - Die Ladenh├╝terin

Kategorie: Wir empfehlen
Von: Dina Haas



Keiko Furukawa ist anders.
Gefühle sind ihr fremd, das Verhalten ihrer Mitmenschen irritiert sie meist.
Um nirgendwo anzuecken bleibt sie für sich.
Als sie jedoch auf dem Rückweg von der Uni auf einen neu eröffneten Supermarkt stößt, einen sogenannten Konbini,
beschliesst sie dort als Aushilfe anzufangen.
Da es für jede Situation genau vorgegebene Verhaltensregeln gibt, fühlt sie sich dort zum ersten Mal als normales Mitglied der Gesellschaft.
Doch dann fängt Shiraha dort an, ein Aussenseiter wie sie.
Und ehe sie sichs versieht, hat sie ebendiesen Mann in ihrer Badewanne sitzen. Tag und Nacht.

Aufbau Verlag, 18 €

Leander Steinkopf - Stadt der Feen und W├╝nsche

Kategorie: Wir empfehlen

Von: Nicolas - Raphael Groschke


»Und noch an jedem Tag, an dem ich Grosses vorhatte, habe ich es gleich am Morgen sein gelassen«

Oft haben große Bücher große letzte Sätze.

Sie überraschen oder fassen zusammen was uns all die vorhergegangenen Seiten bewegt und aufgeregt hat.

Wie aber sollte der letzte Satz eines Buches klingen, dessen Abenteuer Spaziergänge und dessen Gefahren alltägliche Beobachtungen sind? Leander Steinkopf schickt seinen Erzähler, einen Flaneuer und "zärtlichen Menschenfeind" auf eine Entdeckungsreise durch Berlin. Dieser Mann sucht nichts, versucht nirgends anzukommen und verlässt Orte um sich wieder nach ihnen sehnen zu können. Still, poetisch und unaufgeregt.

Die Frage, ob Steinkopf ihn gesucht hat, bleibt offen. Gefunden hat er ihn - den perfekten letzten Satz.

Hanser - Verlag, 16 €


Jakob Nolte - Schreckliche Gewalten

Kategorie: Wir empfehlen
Von: Nicolas - Raphael Groschke



Eines Nachts verwandelt sich die Mutter von Iselin und Edvard Honik beim Anblick des vollen Mondes in ein wölfisches Wesen und tötet den Vater der Zwillinge.

Das für die Mutation verantwortliche Gen ist erblich, bisweilen überspringt es jedoch auch Generationen. Die daraus resultierende ungewisse Zukunft veranlasst Iselin und Edvard dazu, ihr Leben auf die ein oder andere Art ungewöhnlicher zu gestalten. Er bereist die Ränder der Sowjetunion und versucht sich an einem hippiesken Lebenstil, sie gründet eine mehr oder weniger erfolgreiche feministische Terrorzelle.

Der skurril klingende Plot wird überstrahlt von der überbordenden Erzählfreude des jungen Autoren Jakob Nolte. Nicht ganz aus dem Nichts gegriffen erscheint bei der Lektüre dieses mit Ideen, Nebenhandlungen, überflüssigem Wissen und subtiler Komik gespickten Romans der Vergleich mit Boris Vians Klassiker "Der Schaum der Tage". Ein unendlich fantasievolles, wunderbar überladenes Stück Gegenwartsliteratur.

Matthes & Seitz Verlag, 22,00 € 






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